Eva Schwab | Texte >>>>>>>>>>>>>>>english version

Cathrin Nielsen

Fremde Heimat Zeit.
Zu den Bildern von Eva Schwab

IZPP | 7. Ausgabe 2/2012 | Themenschwerpunkt „Erinnern und Vergessen“ | Künstlerisches Projekt zum Themenschwerpunkt

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Cathrin Nielsen

aus 'EIDOLA' / Eva Schwab - Nachbilder 2005 – 2010

Eva Schwabs Bilder versammeln eídola und schattenhafte Dämonen: Wie verschiedene Häute überlagern sich diesen Gestalten die Zeit- und Geschichtsschichten und bilden Fasern der Kontinuität von Schrecken und Scham, als mäandernde Gebärde, als Spuk, als Zurichtung und weitergepflanztes Erkennen, als Irrtümer, Projektionen, Sediment, Gerinnsel, Spur oder Wink. Durch den sichtbaren Körper hindurch gehen die Vor-, Ab- und Nachbilder des Lebens und erinnern darin an seine hundertfache Wiedererkennbarkeit, aber auch an seine unergründliche Absenz: individuum est ineffabile.

Dasselbe gilt für die Orte, Praktiken und Zusammenkünfte dieser Körper, auch sie besitzen ihre Schatten- und Nachtseite, ihren geschichtlichen Abgrund, in dem sich die Geschlechter versammeln, um den ewigen Tausch weiterzutragen, der ihnen auferlegt ist: die Taufen und gegenseitigen Vermessungen, die Standarten des Wissens, die Akte, die Jagden, die herausfordernden Blicke der Kindeskinder, in denen sich das Wachstum wiederholt und zum Bild gerinnt wie das Geweih an den Wänden der Zeitgenossen, das durch seine ornamentale Erstarrung wieder zum mürben Strunk zerläuft im Morast ewigen Beginnens.

„... halte deine Puppe, dein Kindchen, dein Wollenes, dein Seidenes, dein Filziges.

... kämm ihr Haar, leg dir eine Tuscheschlange um den Hals.

... im Spiegel, auf der Platte, erkennt man nicht: den Kummer, die Wirkung eisiger Bäder, das ganze Seelenfrikassee im Anstaltskorsett ...

... aus diskreditierten Gestern winken: chemischer Zwang, die bizarre Mechanik der Ovarienpresse, Metall und Leder in wächsernen Konstruktionen, in ölfarbenen Schlieren ...“ (Mathias Deutsch)

Das aktuelle Szenario des Bildes – in Falle Eva Schwabs einer Fotografie – erfasst das Auge zuerst, es bildet den Ausgang für den Abstieg in den Schacht der Herkunft, der sich unterhalb der abschirmenden Epidermis der Körper eröffnet. Er wird zum „zweiten Gesicht“, zu einem retrospective second sight quer durch das Erbe der Geschichte.

 

 



Begegnungen – aktuelle Positionen aus Frankfurt:
Anke Röhrscheid, Eva Schwab, Suzanne Wild.
13. Februar bis 3. April 2011 / Museum Kronberger Malerkolonie

Dr. Eva Mongi-Vollmer
Kuratorin für Sonderprojekte des Städel Museum, Frankfurt am Main


Genau das: der innere Dialog ist wiederum das zentrale Thema der Malerei von Eva Schwab. Die gebürtige Frankfurterin, bei Markus Lüpertz in Düsseldorf ausgebildet, lebt seit wenigen Tagen in Berlin.
Ihre eigene Sicht auf Personen oder Ereignisse führt sie vor; ein ausgewähltes Motiv – beispielsweise eine vorgefundene Fotografie aus dem Familienalbum- wird behutsam abgetastet und um eigene Ansichten, meist farblich verfremdet, erweitert wiedergegeben. Es ist die Konfrontation mit „Wiedergängern“, wie Eva Schwab diese Wiederbegegnung mit Menschen bezeichnet, zu denen sie mittels der Malerei eine innere Bindung herstellt.
Dabei bedient sie sich teils einer ganz spezifischen Technik: der Enkaustik, der Malerei mit Wachs also. Das Wachs kann dabei als Grundierung für Öl und Acryl dienen, das flüssige Wachs kann aber auch das Bindemittel für die aufzutragenden Pigmente sein. Die Technik der Enkaustik hat eine deutlich längere Tradition als die der Ölmalerei. Sie erlebte ihre Blütezeit in der Kunst der griechisch-römischen Antike. In der Vorstellung der Künstler wurden die eigenen materialisierten Gedanken mit Feuer unvergänglich auf der Malfläche eingebrannt.
Diese Materialisierung von Gedanken ist auch die Materialisierung von Erinnerungen. Dabei steht natürlich die Frage auf dem Spiel, wie authentisch oder wie labil die Erinnerung ist. Was gilt es zu erinnern? Eva Schwabs Bilder sind zu verstehen als Wiederaneignungen einer inneren Wirklichkeit – es sind sogenannte Eidola, Nachbilder, derer, die einst lebten. Es sind beispielsweise die Erinnerungen an die eigene Familie, zu deren Identität ausgeprägt die Jagd gehörte. Es sind damit auch Erinnerungen an die Scheidung der Welt in Jäger und Getriebene.
Eine beklemmende Parallele ist zu spüren in der Auseinandersetzung mit der ihr biografisch nicht verbundenen Unternehmerfamilie Gans, die zu den großen jüdischen Familien der Gründerzeit gehörten. Diese weitverzweigte Familie, teils wohnhaft in Frankfurt, teils aber auch im Taunus und hier in Kronberg selbst, ist in unserem Bewusstsein vor allem durch diejenigen Mitglieder, die im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert in der Chemiebranche aktiv waren. Insbesondere Leo Gans gilt als Pionier der chemischen Industrie, in den Fechenheimer Cassella-Werken wie im Aufsichtsrat der IG Farben. Er erhielt zahlreiche Ehrungen, seit 1928 war er Ehrenbürger der Stadt Frankfurt. Dem Städel war Leo Gans übrigens besonders verbunden, von 1900-1935 gehörte er der Administration des Museums an. 1933 musste er jedoch auf alle Ehrenämter verzichten. Einen Tag vor Erlassung der Rassengesetze starb Leo Gans 92-jährig in Frankfurt. Diesem verdienten wie später brutal durch die Nazis abservierten Mann nähert sich Eva Schwab in ihrem Gemälde „der Ehrenbürger“ ebenso behutsam wie dem eine Generation jüngeren Josef Paul von Gans, genannt Jozsi. Schicksalhaft war sein Leben geprägt von finanziellen Abhängigkeiten und Verpflichtungen in der Familie; vom wiederum freiwilligen Einsatz zum Militärdienst im Ersten Weltkrieg. Während des Krieges schenkte er einem englischen gefangenen Piloten die Freiheit, im Gegenzug erhielt er dessen Jacke. Eva Schwab zeigt den stolzen „Soldaten“ Jozsi mit dem überlassenen Kleidungsstück, die Wirren diese aufgeriebenen Lebens nacherinnernd. Auch die Kronbergerin Clara Gans ist nach alten Familienfotos überliefert wiedergegeben. Ihre von Peter Behrens erbaute „Villa Gans“ fiel partiell den nationalsozialistischen Vandalen zum Opfer, sie selbst floh verstört in die Schweiz.
Eva Schwabs Erinnern an ihre Eltern- und Großelterngeneration, sei es innerfamiliär, sei es anhand einer anderen Familie, ist kein Frohes, jedoch auch kein Verurteilendes. Es ist ein Empathisches, Fragendes und Beklemmendes.

Ausstellungsfotos VILLA GANS / Kronberg

 

 

Wolf Singer | Direktor am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt a.M.:


"Was schon für die Mechanismen der Wahrnehmung zutraf, scheint also in noch weit stärkerem Maß für die Mechanismen des Erinnerns zu gelten. Diese Vorgänge sind offensichtlich nicht daraufhin ausgelegt worden, ein möglichst getreues Abbild dessen zu liefern, was ist, und dieses möglichst authentisch zu halten. (---)
Wenn sich aber die Bedingungen und Sichtweisen rasch ändern, und dies ist der Fall, seit es Zivilisation und Geschichte gibt, wird dieses wohl angepaßte ökonomische Prinzip zum Problem, dem kaum begegnet werden kann.
Vermutlich spürte Eva Schwab all dies, als sie in Familienalben blätterte und sich gestattete, die "objektiven" Zeugen der Vergangenheit zu übermalen und der inneren Wirklichkeit, der fortgeschriebenen Erinnerung anzupassen."


Cathrin Nielsen - Eva Schwab. Hautjob


Wer den Hautjob ausübt, wie der Blade Runner aus dem gleichnamigen Film von Ridley Scott, muss ein besonderes Verhältnis zu dem geheimnisvollen Grenzorgan besitzen, das das Innere des menschlichen Körpers umschließt. Er muss Chemiker und Jäger zugleich sein, Analytiker und Fährtenleser. Vor allem muss er über die Fähigkeit verfügen, die Epidermis, jene kostbare Schale, die wie eine Wachsschicht auf den tieferen, weiter nach innen wurzelnden Schichten aufliegt, aufbrechen und ihr Geschichtsplasma verflüssigen zu können, ohne sie in ihrem Zusammenhalt zu beschädigen. Woran er Schnitt anlegt, um Schicht um Schicht voneinander abzuheben, ist das verborgene Fleisch der Empathie, jene unmittelbare Gewähr des Humanen, die die künstliche Haut von der kontingenten, der Menschenhaut in all ihrer Gewordenheit unterscheidet.
Der Blade Runner stellt Fragen, er zerschwemmt die scheinbar geschichtslose Nacktheit der Haut, er zwingt jede Zelle, sich in ihrer Geschichtlichkeit auszuweisen, um die umschlossene Gestalt des Körpers zu durchdringen: Wer bist Du? Woher bist Du? Woher bin ich? Wer bin ich?
Mit Präzision versenkt sich Eva Schwab in die Bilder ihrer eigenen Lebensgeschichte. Fotografien aus Familienalben geben Anstoß, aber auch fremde und wahlverwandtschaftliche Spuren dienen als Vorlage. Es sind Momentaufnahmen, Arrangements, über die jeder verfügt. Das Familiäre geht durch das Ethnische und Politische hindurch über in einen umfassenden Geschichtsleib, einem die bloßen Fakten umschließenden Geflecht aus Erinnerung und Erwartung. Hier verbinden sich die Lebenden, die Toten und die Ungeborenen wie die drei Dimensionen der Zeit, als wären sie immer zugleich da und vergangen, als bildeten sie den unruhigen Hintergrund jedes Bildes, das wohl nur vom Jetzt spricht, und doch als Bild reine Vergangenheit bleibt.
Selbstähnlichkeiten, Angelesenes, Erbe und Ornament; der gebeugte Nacken dessen, der eine Nachricht empfängt, die überpersönliche Gebärde des Winkens, die Alten, die zusammenstehenden Kinder, die Taxidermie an der Wand: Geweihe, Felle, Ahnen, diese ganzen Schemata des aufeinander verweisenden Wachstums, die sich durch den Einzelnen hindurch wiederholen wie Schussfäden im Fleisch der Zeit.
"Irreale Sinngebilde" nannte der Philosoph Heinrich Rickert jene frei umherschweifenden Gebilde, um die sich viel mehr als um historischen Tatsachen das kulturelle Gedächtnis lagert und jenes geheime Band der Anteilnahme knüpft, das die Generationen miteinander verbindet. Ihnen "gehören" wir längst, bevor sie uns gehören. Die Bilder Eva Schwabs, Palimpseste der Empathie, legen Zeugnis davon ab.
Was, wenn sich künstliche Gestalten in diesen Erinnerungsleib einnisten, wie die in Menschenhaut gehüllten Androiden, Kopien oder Replikanten, denen der Blade Runner nachsetzt? Wenn sie überhand nehmen im Organismus der Geschichte wie technische Zellgeschwüre, die das menschliche Gespinst der Herkunft mit seinen Umwegen und irrealen Stätten überwuchern? Wenn der Hautjob, das "Herausschießen" des Humanen aus seinem Dickicht, neu verteilt, wenn der Jäger zum Gejagten wird?


Jutta Meyer zu Riemsloh - Wiedergänger


Erinnerung, sprich
Vladimir Nabokov


Erinnerungen nachzuspüren ist ein komplexer und weitreichender Prozess. Die Vergangenheit als reale Größe verliert im Laufe der Zeit ihre Gültigkeit: Sie existiert schließlich bewusst oder unterbewusst in der Erinnerung, individuell und nach den jeweiligen Dispositionen des sich Erinnernden verändert. Erinnerungen sind der Vergängnis ausgesetzt, bis sie in anderen Zusammenhängen zu einem neuen Leben erweckt werden. Sie lassen sich speichern, mittels technischer Medien, als Dokumentation eines speziellen Augenblicks. Sie erfahren aber auch eine mentale Wiederbelebung. Diese Bilder entstehen dann im Kopf und sind anders als beispielsweise die des Fotoalbums. Nicht dokumentierte Erinnerungen verweben sich mit anschaulichem Material, mit nicht selbst Erlebten, zu einem individuellen Flashback.
Eva Schwabs künstlerisches Werk thematisiert diese innere Zwiesprache und Suche nach den imaginären Bildern der Innerlichkeit. Auslöser sind zumeist Fotografien aus ihrem biografischen und persönlichen Umfeld. Im Archiv der Künstlerin befinden sich alte Familienfotos, eigene Schnappschüsse, anvertraute Fotos "gefundener Familien", wie Eva Schwab sie bezeichnet, aber auch Flohmarktfundstücke mit Wiedererkennungswert. Dazu zählen beispielsweise Abbildungen von Menschen in burgenländischer Folkloretracht. Obgleich persönlich unbekannt, knüpfen sie familiäre Bande neu, bringen die Vergangenheit in die Gegenwart. Stellvertreter anderer Biografien ergänzen und bauen die Biografie der Künstlerin aus, als Bereicherung und im Selbstverständnis einer universellen Familie. Dieser persönliche Fundus bedeutet für Eva Schwab zunächst Grundlagenforschung und initiiert komplexe gedankliche Prozesse - Erinnerungsarbeit.
Die malerische Umsetzung von Fotografien und inneren Bildern im Werk Eva Schwabs gleicht einen Transformationsprozess, bei dem die Fragen nach dem Woher und Wohin im Vordergrund stehen. Die Rekonstruktion der Vergangenheit lässt längst Vergessenes an die Oberfläche treten und evoziert Fragen: Warum berührt mich das Foto? Was sind das für Bilder in mir, die infolge dessen entstehen? Was passiert und welche Bedeutung hat es für die Gegenwart? Die Wahrnehmung wird zum Auslöser, Unbewusstes in das Bewusstsein fließen zu lassen. Bilder, Gefühle und Erkenntnisse entstehen durch Introspektion der Psyche. Im künstlerischen Schaffensprozess stellt sich für Eva Schwab gleichzeitig auch die Frage nach der Authentizität von Erinnerungen: Bedeutet das Foto die Erinnerung an einen bestimmten Augenblick, habe ich ihn wirklich so erlebt oder sind die Bilder der Vergangenheit Erinnerung geworden.
Das ausgewählte Motiv wird zum Auslöser eines inneren Diskurses, bei dem eine eigene Sicht auf Ereignisse hinzugefügt und Schwerpunkte durch die Künstlerin gesetzt werden. Die Konfrontation mit "Wiedergängern", wie Eva Schwab die Wiederbegegnung mit Menschen bezeichnet, die die selbst erlebte Geschichte in ähnlicher Weise mit sich tragen, entwickelt sich, neben den Fotografien in verstärktem Maße zu einem selbständigen Sujet in ihren Arbeiten. Gerade in den neueren Papierarbeiten nimmt in Folge dessen die Nähe zur Fotovorlage ab. Die Bilder erlangen einen größeren Freiheitsgrad, bedeuten eine malerische Weiterentwicklung. Neu ist der sich erweiternde Spielraum und die Öffnung für Surreales, Fantastisches und Unterbewusstes. Die gleichzeitige Direktheit in Bezug auf die Auseinandersetzung mit dem gewählten Fotomotiv geht dabei nicht verloren. Das Hochzeitsbild der Großmutter, der Flohmarktfund eines Fotos einer älteren Frau in Tracht, die reale Begegnung mit Menschen im Burgenland - vertraut und mit großer Selbstverständlichkeit spielt Eva Schwab beispielsweise mit dem Motiv der Folklore und präsentiert sich selbst im Portrait "Festtagsdirndl, 2009" in traditioneller Kleidung und Frisur. Auch in der Arbeit "Siggi, 2008", vermischen die Biografien des Großvaters Friedrich Schwab und Friedrich von Gans. Bezüge des Titels zur Person Siegmund Freuds sind gewollt. Die Anlehnung der Malerei an eine Fotografie impliziert das Abbild eines realen Momentes zu sein. Der Schein trügt. denn die dargestellte Person tritt uns als "Wiedergänger" entgegen, austauschbar als Vertreter einer universell aufgefassten Persönlichkeit und Biografie, stellvertretend für eine vergangene Zeit. Reales, Assoziiertes und Erinnertes fügt sich zu einem atmosphärischen Bildraum zusammen im Grenzbereich zwischen Realität und Auflösung. Erlebte Momente überlagern sich mit Erinnerungen und Erlebnisse der Künstlerin sowie unseren eigenen. Wandlung und Erkenntnis erschließen sich durch Überlappung verschiedener Ebenen und schafft eine dichte Atmosphäre in den Bildern Eva Schwabs. Malerei wird zum Ausdruck subjektiven, innersten Empfindens mit großem analytischem Potenzial.
Konsequenterweise verändern die neuen Gewichtungen auch die konzeptuell angelegte Doppelung der Arbeiten als Abbild und Nachbild. Über Jahre hinweg hatten diese eine konkrete Form. Nun kommen die Nachbilder weitaus malerischer daher und entziehen sich der Doppelung. Sie avancieren zum Solitär. Im kurzen Augenblick, wenn ein Blitzlicht das Auge trifft, entstehen vor dem inneren Auge in Komplementärfarbe Nachbilder. Als unscharfe, zerfließende Halbschatten stehen sie konträr den Kernschatten entgegen, die mit scharfer Kontur komplett im Dunkeln liegen. Diese übernehmen als "Nachbilder" ebenfalls eine sinntragende Rolle in den Arbeiten Eva Schwabs. Die Künstlerin bezieht sich dabei auf Platons Höhlengleichnis. Schatten simulieren Wirklichkeit und sind Abbildungen des wahren Seins. Nicht das offensichtlich sinnlich Wahrnehmbare der uns unmittelbar umgebenden Welt, sondern das, was dahinter steht, bringt eigentliche Erkenntnis. In "Fastnacht" beispielsweise werden die Schatten zum Träger inhaltlicher Aussagen. Düster und unwirklich ist die Stimmung und atmosphärische Landschaft, die die Badenden umgibt. Schlierenhaft lösen sich Konturen in der Spiegelung des Wassers auf. Im malerischen Kodex der Schatten im Hintergrund verbergen sich narrative Ansätze, die Freiraum für eigene individuelle Erinnerungen, ein Spiel mit Assoziationen zulassen, Wiederbegegnungen und Erkenntnisse ermöglichen.
Eva Schwab stellt die Frage nach der Authentizität des Wahrgenommen nicht nur an sich selbst, sondern auch an den Betrachter. Schatten als bildnerische Elemente sind als Hinweis zu verstehen, wohin die Suche gerichtet ist, die Wirklichkeitssuche und das Ausfindig machen des Menschen an sich. Es geht der Künstlerin um die eigene Biografie, jedoch beispielhaft, um Biografien anderer auf die Spur zu kommen, im Verständnis eines kollektiven Gedächtnisses, eines Erinnerungsfundus. Eva Schwabs Bilder werden zum Zeugnis unterschiedlicher Generationen, entwickeln sich thematisch aus dem persönlichen Anliegen ins Universelle. Sie sind als politische und soziologische Gesamtchronik zu verstehen.

 


Cathrin Nielsen - EIDOLA


Nach einer alten Auffassung ist der Mensch zweimal da, einmal in seiner alltäglichen, sichtbaren Gestalt und einmal in einer Art unsichtbarer Wiederholung. Dieses andere Ich, das den Menschen wie ein schattenhafter Doppelgänger bewohnt, nannte man seine "Psyche" oder auch sein "Abbild" (gr. eídolon).1 Eídola sind Trugbilder oder Nachbilder von Menschen, auch Schattenbilder derer, die einst gelebt haben. Solange der Mensch in seiner öffentlichen Rolle und seinem Beruf aufgeht, zieht sich sein Seelenabbild bis zur Unwesentlichkeit zurück; schläft jedoch das andere, das sichtbare, alltäglich agierende Ich, übernimmt sein dunkler Doppelgänger die Führung.
Er wacht und wirkt an den Rändern unserer selbstbewussten Existenz: in der Erinnerung, in der Ahnung, im Sterben, im Traum, jenen flüchtigen Verdichtungen, Evokationen und abgründigen Spiegelungen, die einen eher heimsuchen als dass man sie "hat". Will man es packen, stiebt es auseinander, wie das von der flirrenden Wasseroberfläche zurückgeworfene Antlitz, sobald man es zu ergreifen versucht. Noch Homer lässt keinen Zweifel daran, dass es sich bei den im Traum wahrgenommenen Gespinsten um reale Gegebenheiten handelt. Was dem Schlafenden erscheint, ist im vieldeutigen Zusammenhang seiner Existenz vollgültig, wie weit auch immer es sich aus der mitteilbaren Welt der Wachenden entfernt. Es tritt nicht in Konkurrenz zu deren Verbindlichkeiten, sondern bildet eine eigene Dimension, die in das Reich des Möglichen und des Gewesenen, der Ungeborenen, der Wiedergänger, Erinnerten und Gestorbenen hineinreicht.
Tod und Erinnerung stehen in einer intimen Verbindung zum zweiten Ich. Erst in der Todesstarre des Körpers löst sich das eídolon eines Menschen ganz und versammelt das gewesene Leben in seine "metaphysische Qualität" (Jan Patocka): seinen Tonfall, das spezifische Aufmerken, die Neigung seines Körpers, irgendein Blicken, abgebrochene Sätze, seinen Schmerz. Es ist die ebenso gebieterische wie flüchtige Identität des vergangenen Lebens, die die Zurückgebliebenen in ihren bloßen Stunden schemenhaft durchstreift. Während ihre Substanz in Bezug auf den Schlafenden (wie auch den Entfernten, Abwesenden) durchlässig und formbar bleibt, geschieht der Schnitt im Tod endgültig: er wird zur Zeichnung, in deren Schwärze sich das Leben in seine Unwiderrufbarkeit versammelt.
Der Doppelgänger ist nicht der Feind des Lebens, sondern seine Heimsuchung, seine Komplettierung, sein produktiver Dämon. Die Römer nannten das zweite Ich daher auch ihren genius; er wird bei der Zeugung eines Menschen mitgeschaffen und steht für seine überreiche Herkunft wie für seine persönliche Fruchtbarkeit. Als Genius vervollständigt der Doppelgänger die aktuelle sichtbare Erscheinung um ihre Vorgeschichte, die ihr Fleisch bildet und deren versunkene Gesichter in ihr wiederauferstehen, sich paaren und neu formatieren. Er ist darin ihr abgründiger Schatten, ihr Spiegel, ihr Porträt und universeller Geschichtskörper. Er vertritt die Gewesenen, die stets in der Überzahl sind: "Wenn wir den Mund aufmachen, reden immer zehntausend Tote mit." (Hugo von Hofmannsthal)
Evas Schwabs Bilder versammeln solche eídola und schattenhaften Dämonen: Wie verschiedene Häute überlagern sich im Einzelnen die Zeit- und Geschichtsschichten und bilden Fasern der Kontinuität, des Unabgeschlossenen, Widerkehrenden, aber auch solche, die gekappt wurden und als offene Wunde oder Versprechen weiterexistieren, als Wucherungen, Gesten, Gebärden, sedimentierte existenzielle Erfahrungen, weitergepflanzten Schrecken und Irrtümer, Weiterschreibungen, Projektionen, Gerinsel, Spuren und Winke. Durch den sichtbaren Körper gehen die Vor-, Ab- und Nachbilder des Lebens hindurch und erinnern darin an seine hundertfache Widererkennbarkeit, aber auch an seine unergründliche Absenz: individuum est ineffabile. Dasselbe gilt für die Orte, Schauplätze und Zusammenkünfte dieser Körper, auch sie besitzen ihre Schatten- und Nachtseite, ihren geschichtlichen Abgrund, in dem sich frühere Generationen versammeln, um dieselben Gesten zu vollführen, um den ewigen Tausch weiterzutragen, der ihnen auferlegt ist, um ihn festlich zu begehn: die Taufen, die zerschwimmenden Sommerabende, die Akte, die Jagden, die herausfordernden Blicke der Kindeskinder, in denen sich das Wachstum wiederholt und zum Bild gerinnt wie das Geweih an den Wänden der Zeitgenossen, das durch seine ornamentale Erstarrung wieder zum mürben Strunk zerläuft im Morast ewigen Beginnens.
Das aktuelle Szenario des Bildes – in Falle Eva Schwabs einer Fotografie – erfasst das Auge zuerst, es bildet den Ausgang für den Abstieg in den Schacht der Herkunft, der sich unterhalb der abschirmenden Epidermis der Körper eröffnet. Der Akt des malerischen Erkennens scheint dabei gerade in umgekehrter Richtung zu derjenigen zu verlaufen, die Platon in seinem Höhlengleichnis beschrieb, wo die schattenhafter Abbilder die unterste Stufe in der Hierarchie des Seienden bilden. Die in die Hockstellung von Föten gebundenen Menschen sind in ihren trügerischen Anblick festgebunden, ohne deren Genese zu erahnen, sich in ihrem Rücken abspielt: den trüben Feuerschein, der die vorübergetragenen Gegenstände trifft und ihren zitternden Schemen auf die Wand wirft, die die reale Welt der Höhlenbewohner bildet. Nur derjenige, dem es gelingt, sich umzuwenden und den Aufstieg aus der Höhle mit dem "langhin sich erstreckenden Eingang" zu wagen, vermag bis zu den lichten Ideen, zur Sonne und zuletzt bis zur unsichtbaren Idee des Guten vorzudringen, von der alles Sehen und Gesehenwerden seinen Ausgang nimmt. Das Auge der Malerin öffnet dagegen die an den Tag getreten Bilder gewissermaßen nach unten; die Substanz der Körper wird unter ihrem schürfenden, dehnenden, verflüssigenden Zugriff zum Rinnsal und Gewebe, zum Halbschatten und flirrenden Schemen, bis er im Innersten des Schachtes jene Grenze berührt, von dem aus sich das eídolon jäh löst wie eine glänzende, präzise, unmissverständliche Zusammenfassung.
Es ist, als würde der Blitz der Aufnahme gedehnt: An die Stelle der einfachen Ablichtung, die ganz an den äußerlichen Schemata der optischen Vermittlung ausgerichtet ist, tritt die innere Erhellung, jenes unvermittelbare, schmerzlich minuziöse Geschehen der Aneignung, das einen erfasst, wenn die Bilder des Lebens vor einen hintreten und verlangen, bis in ihre Unvordenklichkeit hinein erinnert zu werden. Die Körper sinken in den Ort ihres Entstehens zurück: in das Aufeinanderstoßen von Sehen und Gesehenwerden, das "Herausschießen" ihrer Kontur aus dem Gewebe der Zeit, ihre Trächtigkeit und Anreicherung durch die Jahre, die den geschossenen Moment zurücklassen und zugleich auf rätselhafte Weise mit sich nehmen.
Eva Schab bildet die Fotografien auf einer wachsdurchtränkten Leinwand ab oder trägt in flüssiges Wachs gebundene Farbpartikel heiß auf den Malgrund auf. Das erkaltende Wachs lasst das Nesselgewebe steif und durchscheinend werden. Die so entstehende Wachstafel nimmt das Bild einerseits in Empfang, durch den flüssigen Auftrag wird es jedoch zugleich in seine einzelnen Wirklichkeitspartikel zerschwemmt. Das Wachs fungiert darin als Erinnerungsplasma, in das das vielschichtige Siegel der Gegenwart eingedrückt, ja eingearbeitet wird wie eine Intarsie: der Geschmack, das Tasten, die Resonanzen, die Verwirrung, die Scham, die jedes Bild von innen her versammelt, und die die malerische Einbildungskraft erneut zusammenbringt, wie um in dem toten Treibgut aus der Vergangenheit das Hier und Jetzt neu zu entzünden.
Die auf ihr verflüssigtes Plasma zurückgeworfenen Abbilder werden zum Doppelgänger und genius der Fotografien, wie Nachbilder, die bei geschlossenen Augen entstehen. Ein Nachbild ist eine durch die nachklingende Erregung der Netzhautsinneszellen hervorgerufene Erscheinung des inneren Auges. Im Gegensatz zum vorangegangenen Lichtreiz, der unvermittelt von außen trifft, steigt das innere Bild langsam und gemessen auf. Das langsame Aufsteigen der nachträglichen Lichtempfindung korrespondiert der Tatsache, dass die Wahrnehmung niemals voraussetzungslos ist, nie "auf einen Schlag" geschieht, sondern in Schichten, die gerinnen, einander überlagern, verdecken oder miteinander verschwimmen. Nachbilder machen die Subjektivität der Wahrnehmung sichtbar und die Tatsache, dass das innere Auge unablässig Bilder hervorbringt, die im selben Moment überholt, korrigiert, gesättigt oder weitergetrieben werden. Das Auge ist keine neutrale Linse; in ihm bricht die Differenz zwischen Innen und Außen zusammen. Hinter der Netzhaut, die die Schwärze der Pupille dem gewöhnlichen Interesse verbirgt, öffnet sich das geschichtliche Speichergewebe der Zellen, Male, Schründe, der Zitate, Rhythmen, Wahlverwandtschaften und Übergänge.
Eva Schwabs Bilder sind solche Wiederaneigungen von Wirklichkeit. Nicht von ungefähr herrschen in ihnen neben den ganz unspektakulären Alltagsmotiven die Motivkreise der Jagd, des Aktes und der Taufe vor. Wie das Jagdwild geschossen und als Beute am Feldrand aufgereiht wird, wie es in Form der Geweihtrophäe eine neue Gegenwart in den Wohnzimmern gewinnt – wie steife Ahnenportraits hängen die Trophäen stets im Rücken der nun fotografisch "Geschossenen" –, so versammeln sich auch im Akt der Taufe die verschiedenen Generationen um den Täufling, der aus einer Gegenwart in eine andere Gegenwart, durch das Eintauchen in das Wasser aus seiner "natürlichen" Existenz in eine symbolische Existenz, das erinnerbare Bild, gehoben wird. Das "Eintauchen" markiert wie das "Schießen" und "Blitzen" den Umschlag aus dem Vieldeutigen in das Eindeutige, das scheinbar Eindeutige, in dem der Umgang mit der offenen Zeit Gestalt gewinnt.
Inmitten der virtuellen Gegenwarten, an denen sich heute vornehmlich versucht wird, wirkt Eva Schwabs Rückgriff auf den Speicher und geschichtlichen Stammbaum des universellen Fotoalbums wie eine Verneigung vor den bestimmten Formen des Lebens. Fotografien aus  Familienalben geben Anstoß, aber auch fremde und wahlverwandtschaftliche Spuren dienen als Vorlage. Es sind Momentaufnahmen, Arrangements, über die jeder verfügt. Selbstähnlichkeiten, Angelesenes, Erbe und Ornament; der gebeugte Nacken dessen, der eine Nachricht empfängt, die überpersönliche Gebärde des Winkens, die Alten, die zusammenstehenden Kinder, die Taxidermie an der Wand: Geweihe, Felle, Ahnen, diese ganzen Schemata des aufeinander verweisenden Wachstums, die sich durch den Einzelnen hindurch wiederholen wie Schussfäden im Fleisch der Zeit.
Es geht nicht darum, sie zu zerstören, sondern sie von innen her zu erleuchten auf ihre Gewordenheit hin, auf die Tatsache, dass jede Gegenwart aus unzähligem Wiedererkennen besteht, und dass es dieses Gewebe von Abstraktionen, Erinnerungen und Sprachlosigkeiten ist, durch das wir "wirklich", beharrlich, erinnerbar werden in Form eines eídolon, einer das Leben intim abschließenden Gebärde. Denn es ist ja zuletzt die durch den Tod offenbar werdende Zeit, zu deren Bewältigung die Mnemosyne den Sterblichen das Wachs überlassen haben soll, das die Seele mit einer schützenden Haut umzieht, aber auch mit einer offenen, empfänglichen Haut für die einander durchkreuzenden Spuren von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Ihre Einschüsse, Tätowierungen und verhärteten Landschaften umschließen einen Schacht abgründiger Versehrbarkeit.
Schema und Fleisch, Haut und Zeichnung, die Gewächse des Erinnerns, Schwellengestalten, die die Gegenwart durchziehen. Hier verbinden sich die Lebenden, die Toten und die Ungeborenen wie die drei Dimensionen der Zeit, als wären sie immer zugleich da und vergangen, als bildeten sie den unruhigen Hintergrund jedes Bildes, das wohl nur vom Jetzt spricht, und doch als Bild reine Vergangenheit bleibt. Malen als Fährtenlesen, Jagen, Schürfen, chemische Tiefenanalyse in den trockenen, Bild gewordenen Gegenden der Zeit.
"Irreale Sinngebilde" nannte der Philosoph Heinrich Rickert jene frei umherschweifenden Gebilde, um die sich viel mehr als um historischen Tatsachen das intime Gedenken lagert und den Zukunftspfeil in jenen abgründigen Schacht zurückweist, jene vertikale Durchkreuzung, die Vergangenheit heißt und der wir längst "gehören", bevor sie uns gehört. Die Bilder Eva Schwabs, Palimpseste der Empathie, legen Zeugnis davon ab.

 

 

 

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